Beiträge mit Tag ‘Flucht’

Karl-Heinz Röder

Geschrieben von Jürgen Henze am in Ehemalige und neue Bürger, Familiengeschichten

Karl-Heinz Röder

Schicksal eines Sudetendeutschen, der in Baumholder seine neue Heimat fand.

Aufgezeichnet von Jürgen Henze

Karl Heinrich Röder, in seiner zweiten Heimat Karl-Heinz genannt, wurde am 23. Mai 1930 in Neutitschein, der Stadt der Tuchmacher, im Sudetenland geboren. Seine Vorfahren stammten aus Österreich. Wegen der schlechten Arbeitslage nach dem 1. Weltkrieg verließ Großvater Heinrich Klär die Heimat und zog mit seiner Familie in das sog. Kuhländchen (Kravařsko) in der Gegend von Troppau im Sudetenland. Dort wuchs Karl Heinrich zunächst auf und besuchte ab 1936 die Volksschule in Neutitschein. Seine Cousins Eduard und Gerhard Röder waren seine großen Vorbilder. Wie sie wollte er später einmal zur Marine gehen. Voraussetzung dafür war allerdings eine mindestens einjährige Berufsausbildung. Karl Heinrich beendete daher 1944 nach acht Jahren seine Schullaufbahn und begann eine Schreinerlehre. 1946 hätte er dann auf das Segelschulschiff „Horst Wessel“ (heute US-Schulschiff „Eagle) kommen sollen. Doch der 2. Weltkrieg und dessen Ausgang machten dem jungen Karl Heinrich einen Strich durch die Rechnung. Wie so viele andere musste er im Mai 1945 seine geliebte Heimat verlassen, während seine Mutter Maria Röder zu Zwangsarbeit verpflichtet wurde und mit seinem kleinen Bruder Horst vorerst zurückbleiben musste. Zusammen mit einem gleichaltrigen Freund wurde Karl Heinrich im offenen Viehwaggon an die Reichsgrenze Deutschlands befördert. Dort wurden der damals Fünfzehnjährige und sein Freund sich selbst überlassen. Maria Wess, eine Cousine seiner Mutter, lebte damals in Leoben in der Steiermark. Bei ihr wollte man sich treffen, falls man sich einmal aus den Augen verlieren sollte. Das hatte ihm die Mutter mit auf den Weg gegeben. So versuchte Karl Heinrich zunächst einmal nach München zu gelangen. Von dort würde er schon irgendwie weiterkommen.

Bad Schandau, Pirna und Dresden waren die ersten Stationen auf seinem langen Weg, an die er sich noch gut erinnern kann. Deutschland war damals in vier Besatzungszonen eingeteilt und wurde von den Siegermächten USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion verwaltet. München lag in der amerikanischen Zone. Karl Heinrich aber befand sich noch in der sowjetischen Besatzungszone. Das wurde ihm spätestens klar, als er von russischen Soldaten aufgegriffen und festgesetzt wurde. Zwei Tage lang wurde er festgehalten, dann durfte er weiterziehen. Schließlich gelangte er irgendwo an einen Grenzbach und erreichte endlich die amerikanische Zone. Das konnte er an der Flagge erkennen, die über einer Baracke wehte. Schwestern vom Roten Kreuz kümmerten sich dort um Verwundete. Die Jungs erhielten etwas zu essen und zogen weiter. In langen Fußmärschen erreichten sie nach etwa 1 ½ Monaten Freilassing. Hier erwischten sie einen Kohlenzug in Richtung Salzburg, doch amerikanische Soldaten holten ihn und den Freund da herunter. Karl Heinrich hatte ja keinerlei Papiere bei sich. Für den Grenzübertritt brauchte er aber ebensolche Papiere.

Grenzübertritt? Ach ja, das Großdeutsche Reich bestand ja nicht mehr. Österreich war wieder eigenständig geworden. Und zwischen beiden Ländern gab es wieder eine Grenze. Karl Heinrich musste zur Entlassungsstelle, einem Lager in Bad Reichenhall.
Dort waren zahlreiche deutsche Soldaten versammelt, darunter auch viele verwundete. Sie alle waren Gefangene, trugen aber noch ihre Uniformen mit Hoheitsadler – „Pleitegeier“, sagt Karl-Heinz heute –Achselstücken und sämtlichen Auszeichnungen. Was das zu bedeuten hatte, darüber konnte er nur spekulieren. Das Gute aber war, die Landser hatten reichlich zu essen und Karl Heinrich, der in der zurück liegenden Zeit so manches Mal Kohldampf geschoben hatte, wurde mit verpflegt. Untersuchung durch einen amerikanischen Arzt, Entlausung mit der großen, hölzernen DDT-Spritze, dann durfte er nach ein paar Tagen auch von hier aus weiterziehen. War wohl nicht als „Werwolf“ angesehen worden. Ausgerüstet mit den notwendigen Papieren zur Entlassung in die amerikanische Zone Österreichs, marschierte er zurück nach Freilassing. Mit dem roten Stempel in seinem Ausweis und der Bemerkung „Fit for Labor“ konnte er jetzt die österreichische Grenze offiziell überschreiten. Mit dem Zug fuhr er nach Salzburg, um sich von dort bis zu seinen Verwandten in Leoben durchzuschlagen.

Groß waren die Überraschung und natürlich auch die Freude bei seiner „Tante Maria“, wie er sie nannte. Sie selbst lebte in beengten Verhältnissen, aber sie besorgte ihm eine Unterkunft und Arbeitsstelle in einem kleinen Bauernhof. Und sie konnte mit Hilfe einer tschechischen Freundin seiner Mutter sogar ein Lebenszeichen von ihrem Sohn übermitteln. Tante Maria, die sich in der SPÖ der Stadt Leoben engagiert hatte, brachte auch seine behördliche Anmeldung in der Stadt zuwege. Das war wichtig, weil er sonst keine Lebensmittelharten erhalten hätte. Ein Jahr lang etwa arbeitete er als Knecht auf dem kleinen Bauernhof. Auf Dauer aber konnte und wollte er hier nicht bleiben. Er war ja schließlich kein Österreicher.

Es war im Jahr 1946, als er eines Tages die Aufforderung zur Ausreise nach Deutschland erhielt. Da hieß es für ihn Abschied nehmen. Züge fuhren wieder. Im Viehwaggon fuhr Karl Heinrich nach Stuttgart. Einen Tag und eine Nacht lang mussten alle Reisenden im Zug am Bahnhof Stuttgart bleiben. Dann endlich ging es weiter in das Auffanglager Dieburg bei Darmstadt. Auch hier musste er wieder elend lange warten. Schließlich erfuhr er dort, dass die Mutter mit seinem Bruder Horst in Hörnsheim bei Wetzlar (heute Ortsteil von Hüttenberg) eine erste Bleibe gefunden hatte.

Karl Heinrich bekommt die Zuzugsgenehmigung für Hessen. Er erhält eine Fahrkarte und nimmt den Zug nach Wetzlar. Er freut sich schon auf das Widersehen mit seiner Mutter und seinem Bruder Horst. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Über Frankfurt und Gießen sollte es nach Wetzlar und von da aus nach Hörnsheim gehen. Doch Züge sind nicht immer pünktlich. Als Karl Heinrich abends in Gießen eintrifft, fährt kein Zug mehr nach Wetzlar. Er muss im Bahnhof übernachten. Mit dem ersten Zug früh am Morgen erreicht er die Kreisstadt an der Lahn. Vor dem Bahnhofsgebäude in Wetzlar stehen drei Postbusse. Unschlüssig geht Karl Heinrich von einem zum anderen. Da ruft ihn der Fahrer eines der drei Busse an: „Na, Bub, wo willst denn hin? Nach Hörnsheim? Steig ein, das ist meine Tour.“

Mit der Busfahrt zu der kleinen Hessengemeinde fand die Odyssee des jungen Karl Heinrich ihr vorläufiges Ende.

Als Vater Karl noch im gleichen Jahr aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war die Familie Röder wieder glücklich vereint. Und so ganz allmählich kehrte auch bei der Flüchtlingsfamilie Röder wieder ein geregeltes Leben ein. In Großen-Linden im Landkreis Gießen fand Karl Heinrich in der Schreinerei Karl Stroh zum Glück eine Lehrstelle, in der er seine in Neutitschein begonnene Berufsausbildung zum Schreiner fortsetzen konnte. 1949 legte Karl Heinrich Röder vor der Schreiner-Innung in Gießen seine Gesellenprüfung ab. Die Zeiten waren schlecht. Der Schreiner Karl Stroh konnte ihn als Gesellen nicht länger beschäftigen und so arbeitete Karl Heinrich anschließend als Facharbeiter im Ersatzteillager der US Army in Butzbach. Bald darauf wechselte er jedoch zur Labor Service Einheit der US Army in Gießen.

Hier wurde er in eine schwarze Uniform gesteckt, die im Schnitt der Kleidung amerikanischer Soldaten glich, und leistete vor allem Fahrdienste. Und er durfte als junger Bursche bereits über eine Dienstwaffe verfügen. Zu dieser Zeit, in der es Deutschen generell untersagt war, Waffen zu tragen, genossen die Angehörigen der US Labor Service Units bereits großes Vertrauen und wurden mit Gewehren ausgerüstet. Im Zuge eines US Truppenaustausches zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz kam Karl Heinrich Röder dann 1951 nach Baumholder.

Ein Arbeitsunfall wird für Karl-Heinz, wie er hier im Westrich jetzt genannt wird, zum Glücksfall. Bei dem anschließenden Krankenhausaufenthalt lernt er Irmgard Basters aus Niederalben kennen. Die beiden heiraten noch im Jahr 1951 und nehmen nach einem relativ kurzen Aufenthalt im „Balkan“ von Hoppstädten ihren festen Wohnsitz in Baumholder.

Karl-Heinz verdiente sein Geld weiter bei der US Army. Als ein Gerücht aufkam, dass die Angehörigen der US Labor Units im Koreakrieg eingesetzt werden könnten, kündigte er seine Stellung bei der Labor Service Einheit. Eine zunächst als sicher geglaubte Einstellung beim US Civilian Personnel Office (CPO) in Baumholder zerschlug sich. Aber der ihm gewogene Major Todt sorgte für eine Beschäftigung als Schreiner im Field Maintenance Shop, einer Einrichtung der US Army, die für sämtliche Reparaturen an ihrem beweglichem Vermögen zuständig war. Als sich Karl-Heinz Röder 1956 bei der Deutschen Bundeswehr um eine Anstellung als ziviler Mitarbeiter bewarb, erlebte er eine böse Überraschung: Es stellte sich heraus, dass er weder die deutsche, noch die österreichische und schon gar nicht die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit besaß. In seinem Reisepass war lediglich mit Bleistift festgehalten worden: „Staatsangehörigkeit ungeklärt“. Dieser Eintrag fiel bei einer Erneuerung seines Reisepasses zum Glück einem Radiergummi zum Opfer.

Karl-Heinz Röder blieb Beschäftigter der US Army. Nach einer Erkrankung wurde er in den Innendienst versetzt und musste Bürotätigkeit ausüben. Er tat dies offensichtlich mit großem Erfolg, denn im Jahre 1960 wurde ihm die Selle als Betriebsleiter des Field Maintenance Shops übertragen, die er bis zum Ende seines Arbeitslebens innehatte. Für seine vorbildliche und verdienstvolle Arbeit im Field Maintenance Shop Baumholder wurde

Karl-Heinz Röder zweimal mit dem „Commander’s Award“ ausgezeichnet. Auf diese – wie er sagt – zweithöchste Auszeichnung der US Army für zivile Mitarbeiter, ist er besonders stolz.

Nach einer Borreliose-Erkrankung ging Karl-Heinz Röder 1990 in den wohlverdienten Ruhestand.

 

Gästebuch

  • Jane Taubert / 30. Mai 2017:
    Dieser Eintrag kommt sehr spät, aber dafür umso herzlicher. Ich...
  • Walter Michael Scharf / 25. April 2017:
    It is with great pleasure that I recommend geschichtswerkstatt-baumholder.de. The...
  • Kühn / 21. Februar 2017:
    Die "Geschichtswerkstatt-Baumholder" ist vielfältig mit aussagekräftigen Informationen im Detail und...
  • Oliver Simon / 11. Februar 2017:
    Ein sehr interessanter und gelungener Internetauftritt! Hier werde ich zukünftig...
  • Kunz / 12. Januar 2017:
    Vielen Dank Herr Böhmer für Ihre Hilfe. Ich habe entlich...

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