Beiträge mit Tag ‘Reformation’

Eine fürstliche Kirchenordnung vollendet die Reformation im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken

Geschrieben von Klaus Böhmer am in Beiträge, Zeitgeschichte

Originale von evangelischen Kirchenordnungen aus dem 16. Jahrhundert sind heute Raritäten, die in großen Bibliotheken sorgfältig aufbewahrt werden.

Die Evangelische Kirchengemeinde Birkenfeld ist ebenfalls im Besitz eines Originals der Pfalz-Zweibrückischen Kirchenordnung von 1557 und hat Klaus Böhmer erlaubt, dieses Werk zu digitalisieren und zu veröffentlichen.

Auch für die Evangelische Kirchengemeinde Baumholder steht diese Kirchenordnung für die Vollendung der Reformation und den Beginn ihrer damals lutherischen Amtskirche.
Pfarrer Burkard Zill, der seit vielen Jahren um die Geschichte seiner Gemeinde und der Stadt bemüht ist, konnte nun eine hochwertige Druck-version dieser grundlegenden alten Kirchenordnung in Empfang nehmen.

Schon vor etwa 450 Jahren gehörte diese Kirchen- Übergabe der Reproduktionen am 29. August 2017 ordnung neben der Bibel einmal zu den Büchern, die in der Baumholderer Kirche vorhanden waren.
Digitale Versionen erhielten auch die Evangelische Kirchengemeinde Birkenfeld und die Bibliothek im Landesmuseum Birkenfeld.
In der Geschichtswerkstatt-Baumholder.de wird diese Rarität in Kürze ebenfalls in vollem Umfang einsehbar sein.

Reformation im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken

Für das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, zu dem auch das Oberamt Lichtenberg und die Pfarrei Baumholder gehörten, kann der Beginn der Reformation an bestimmten Geistlichen festgemacht werden, die in ihren Einflussbereichen Veränderungen im Sinne der bedeutenden Reformatoren auf den Weg brachten.

In der Residenzstadt Zweibrücken war seit 1523 Johannes Schwebel als Hofprediger tätig. Von ihm gingen wichtige Impulse an die fürstliche Regierung aus, doch erst unter dem Pfalzgrafen Ruprecht wurden obrigkeitliche Maßnahmen getroffen, die auf eine evangelische Neuordnung des Kirchenwesens zielten.

Den Geistlichen im Lande wurde 1533 eine erste neue Ordnung für Lehre und Leben gegeben und im gleichen Jahr unterzeichnete Johann Schwebel für das Herzogtum das Augsburger Bekenntnis.
Mit Kirchenvisitationen wurden die Verhältnisse in den Pfarreien überprüft und gesteuert. Die fürstlichen Maßnahmen richteten sich zwar nach den Beschlüssen der Reichstage, verfolgten dabei aber immer das Fortschreiten der Reformation. Im Herzogtum verloren die katholische Kirche und die Klöster in diesem Prozess zunehmend an Einfluss, bis hin zur Auflösung.

Nachdem Pfalzgraf Ruprecht die Regierung an Herzog Wolfgang übergeben hatte, strebte dieser nach der endgültigen Auflösung der Klöster im Herzogtum und trat deren Rechtsnachfolge an.
Faktisch war nun ein lutherisches Kirchenwesen entstanden, dem jedoch die reichsrechtliche Grundlage fehlte. Diese entstand mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555, der es den Fürsten erlaubte, in ihren Territorien die Konfession zu bestimmen.

Auch in Pfalz-Zweibrücken wurde daraufhin durch Herzog Wolfgang eine verbindliche Ordnung für die neue Landeskirche erlassen. Die Pfalz-Zweibrückische Kirchenordnung von 1557 war das Instrument, mit dem bis in die Details die inhaltliche und organisatorische Gestaltung dieser Landeskirche bestimmt wurde.

Die Kirchenordnung begründet die Pfalz-Zweibrückische Landeskirche

Diese Kirchenordnung ist der Grundstein der aus der Reformation hervorgegangenen lutherischen Landeskirche im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken. Das über 600 Seiten starke Werk ist von christlicher Überzeugung geprägt, mit der Grundlagen und Konzept der Kirche begründet wurden.

In ihr mündeten die reformatorischen Prozesse dieses Herzogtums, wie sie in der Literatur und vielen Archivalien beschrieben wurden.

Die Kirchenordnung war das für alle Pfarreien verbindliche Regelwerk, das die religiösen und kultischen Handlungen sowie die neuen organisatorischen Strukturen definierte.

Ausgehend von den lutherischen Bekenntnisgrundlagen wurden darin die Ausbildung der Geistlichen und die Gestaltung von Gottesdienst und Seelsorge geregelt. Einen großen Teil nehmen Gebete und
Kirchengesänge ein.

Die Einkünfte der aufgelösten Klöster wurden darin zur Finanzierung der Ausbildung der Geistlichen und Lehrer bestimmt. Synoden und Visitationen wurden eingerichtet, um die Entwicklung des Kirchenwesens zu begleiten und auf die Bewahrung der Grundsätze zu achten. Für Gottesdienste und Seelsorge wurden klare Vorgaben gemacht und durch die Einbindung in den herzoglichen Behördenapparat wurde die Kirche beaufsichtigt und verwaltet. Auch das neue Schulwesen wurde in der Kirchenordnung verankert. Die Kinderschulen wurden zur Grundlage eines Schulsystems, das über die Lateinschulen bis zu einem Landesgymnasium in Hornbach den Weg zu Bildung und Studium ermöglichte. Von den Gemeindegliedern wurde eine christliche Lebensführung erwartet. Dabei kam dem christlichen Hausvater eine Vorbildfunktion zu.

Immer wieder finden sich Beispiele und Begründungen der neuen Lehre im Unterschied zur alten Kirche. Aber auch zur Verdammung der in der Reformation entstandenen Täuferbewegung. Das Mandat gegen die Wiedertäufer, das die Täufer fast zweihundert Jahre als Aufrührer und Sekte der Vertreibung oder Benachteiligung preisgab, ist ein von Vorurteilen und Intoleranz geprägtes Kapitel.

Aus all diesen Gründen ist diese alte Kirchenordnung ein Spiegelbild des kirchlichen Lebens in der neu entstandenen Amtskirche und ihrer Einbindung in die Regierung, an deren Spitze der Herzog stand.
Diese erste evangelische Kirchenordnung war Maßstab, Muster und Auftrag für die Gemeinden und ihre Glieder. Sie galt in Zweibrücken genauso wie beispielsweise in Baumholder, Birkenfeld oder Kusel.

Mandel, 1. September 2017
Klaus Böhmer

 

Claus Hutmacher, ein Wiedertäufer aus Baumholder

Geschrieben von Klaus Böhmer am in Beiträge, Biografien

Klaus Böhmer

Juli 2017

Der folgende Beitrag entstand bei der Bearbeitung von Kirchenvisitationsprotokollen für eine Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde Baumholder. Er behandelt nur einen Ausschnitt des Themas „Wiedertäufer“.

Claus Hutmacher, ein Wiedertäufer aus Baumholder

Claus Hutmacher lebte in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Baumholder. Damals war die Reformation im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken schon sehr weit fortgeschritten, aber noch nicht vollendet. Das katholische Kirchenwesen hatte sich weitestgehend aufgelöst und in den Pfarreien waren evangelische Geistliche tätig.

Aus den reformatorischen Anfängen waren auch die „Täufer“ hervorgegangen. Sie lehnten die Kindertaufe ab und erkannten die weltliche und kirchliche Obrigkeit nicht als oberste Instanzen an. Wegen ihrer radikalen gesellschaft-lichen Forderungen wurden sie nach dem Bauernkrieg als gefährliche Aufrührer eingestuft und seit 1528 aufgrund eines kaiserlichen Mandates verfolgt und mit dem Tode bedroht.[1] Heute nimmt man an, dass etwa 2000 Männer und Frauen wegen ihres Glaubens grausam hingerichtet wurden. Der katastrophale Unter-gang des Täuferreiches von Münster im Jahre 1535 schürte die Feindseligkeit weltlicher Herrscher. Führende Reformatoren wandten sich gegen die Tauf-gesinnten und unterstützten damit die Landesherren bei der Verfolgung und Vertreibung der Wiedertäufer.

Auch im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken wurde scharf gegen „Wiedertäufer“ vorgegangen. Sie wurden überwacht und unter eindringlichen Belehrungen zum Widerruf aufgefordert. Standhaftigkeit führte ins Gefängnis und schlimmsten-falls zum Landesverweis.

Das Verfahren von Überwachung und Belehrung bis zur Verhaftung und Ausweisung erfolgte durch hohe Beamte und führende Geistliche. Allen Untertanen war der Umgang mit Wiedertäufern verboten und sie waren verpflichtet, mögliche Wiedertäufer bei den Amtleuten anzuzeigen.

So widerfuhr es auch Claus Hutmacher aus Baumholder. Während einer Kirchenvisitation[2] des Oberamtes Lichtenberg im Jahre 1553 befragte die Visitationskommission die Geistlichen und Gemeindevertreter der Pfarreien nach Wiedertäufern.

Auch der Baumholderer Pfarrer zeigte einen Wiedertäufer an. Daraufhin wurde Claus[3] Hutmacher vor die Visitationskommission auf Burg Lichtenberg einbestellt.

Aus seinem Verhör wurden recht ausführliche Notizen in das Visitationsprotokoll aufgenommen. Sie gewähren einen Einblick in seine Einstellungen und Erfahrungen als Mitglied der Täuferbewegung:

„Claus Hutmacher von Baumholder ist den 5. Juli zu Lichtenberg erschienen, sagt, er hab an des Pfarhers und Caplans Lere keinen Mengel, allein, was sie lehren, das tun sie selbs nit; Er sehe auch nit, daß sich jemants, er sei jung oder alt, bessere. Darumben meide er auch die Kirch. Er bekennt, daß er umb die Weihnachten dis drei und fünfzigsten Jars widerumben getauft worden sei bei Birkenfeld uf dem Felde, nahe bei einem Walde. Ir Vorsteher einer heiß Claus, sitz bei Melsheim, einer Hans und einer Debolt seien um Worms daheim, wisse nit, wie die Dörfer und Flecken heißen, da sie wohnen.

Item zeigt er an, es seien irer viel umb Worms, die dem Widertauf anhengen. Kommen iren etwan auf einen gelegenen Platz drei oder vierhundert zusammen bei der Nacht, er sei aber noch nie bei solcher großen Versammlung gewesen.

Sagt weiter, er sei einmal beim Brodtbrechen gewesen. Spreidt der Lehrer ein Duch auf die Erden, schneid ein Schnitten Brodts ab, es sei weiß oder schwarz, leg dasselbig auf das Duch, sprech die Wort unsers Herrn darüber und nem er es zu ersten. Mit dem Drank gelt es inen gleich, der Lehrer nem ein Fleischschüssel oder sonst ein Drinkgeschirr, lasse auch ein jeden drinken.

Item er begehrt, man woll iren Lehrern ein Dag bestimmen und erfordern, daß man dieselben auch verhören könn, sei dann ir Lehr nit recht, so wöll er auch davon absteen, sonst laß er sich davon nit abwenden, es gehe im gleich wie es wöll und manns haben wöll. Wöll er understen, einen oder zwen herzu zu pringen.

No. zu Alsenz sitz einer, heiß Lorenz. Item zu Zutsch(?) und an anderen Orten auch mehr. Bitt wie vorhin, man wöll ire Lehrer beschicken, kommen dann dieselben nit zu Verantwortung irer Lehr, wöll er inen nimmer glauben.

No. Zeigt under anderen Lastern sonderlich an, meins gnedigen Fürsten und Herrn Landtschreiber zu Lichtenberg hab bei inen verpoten, es soll keiner dem anderen einen bringen, noch von dem anderen warten, es sei mit Winken, Deuten, Stupfen usw. Aber das soll woll keinen Fürgang bei inen haben, er warn keinen, so bring er auch keinen, dörf deshalben nit zu den Nachparn gehen, sehen ine sauer ahn, gautzen über ine, darumb muß er auch Gesellschaft meiden.“[4]

Diese Angaben erlauben eine Vorstellung von seiner selbstgewählten Abgrenzung zum Gemeindeleben und den Geistlichen der Pfarrei Baumholder. Andererseits ist auch die gesellschaftliche Ausgrenzung durch amtliche Gebote und Verbote erkennbar.

Seine erneute Taufe als Erwachsener und die Form des Abendmahls weisen auf das Selbstverständnis der Täufer hin.

Vor der Kommission blieb er standhaft bei seinen Überzeugungen, erwartete jedoch, dass auch die Lehrer seiner Gemeinschaft öffentlich zu ihren Lehren stehen.

Bei der nächsten Visitation im Oberamt Lichtenberg, im Jahre 1558, wurde wieder nach Wiedertäufern gefragt. Unter anderem erkundigte man sich speziell nach Hennchen (Claus) Hutmacher:

Als man fragt, wie sich Hennchen Hutmacher zu Baumholder halte,

sagt er, er seie hinweg, hab alles verkauft und seine Kinder zu

Waisen gemacht und sei ein Wiedertäufer geworden.

Das lässt darauf schließen, dass Hennchen (Claus) Hutmacher seine Familie verließ und sich anderen Wiedertäufern anschloss. Im Protokoll ist noch erwähnt, dass seine Frau verstorben ist. Daher wurden die Kinder zu Waisen.[5]

  1. Vgl. Taddey, Gerhard (Hrsg.): Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945. Kröner, Stuttgart 1998, 3. Auflage, S. 1351.
  2. Vgl. Fröhlich, Hugo: Die Kirchenvisitationsprotokolle des Pfalz-Zweibrückischen Oberamts Lichtenberg aus den Jahren 1538, 1544 und 1553. In: Monatshefte für Rheinische Kirchen- geschichte, 1934, Heft 12, S. 359-362.
  3. Erik Zimmermann aus Hottenbach hat freundlicherweise darauf hingewiesen, dass Henchen bzw. Claus Hutmacher höchstwahrscheinlich dieselbe Person sind.
  4. Ebd., S. 360.
  5. Vgl. Visitationsprotokoll des Oberamtes Lichtenberg von 1558. Bayrisches Hauptstaatsarchiv, Kasten blau, 389/9b, fol. 211r. Auf das weitere Schicksal der Familie Hutmacher hat freundlicherweise Erik Zimmermann aus Hottenbach hingewiesen.

Gästebuch

  • Jane Taubert / 30. Mai 2017:
    Dieser Eintrag kommt sehr spät, aber dafür umso herzlicher. Ich...
  • Walter Michael Scharf / 25. April 2017:
    It is with great pleasure that I recommend geschichtswerkstatt-baumholder.de. The...
  • Kühn / 21. Februar 2017:
    Die "Geschichtswerkstatt-Baumholder" ist vielfältig mit aussagekräftigen Informationen im Detail und...
  • Oliver Simon / 11. Februar 2017:
    Ein sehr interessanter und gelungener Internetauftritt! Hier werde ich zukünftig...
  • Kunz / 12. Januar 2017:
    Vielen Dank Herr Böhmer für Ihre Hilfe. Ich habe entlich...

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